Quelle-Areal,
Nürnberg

Entworfen hat den monumentalen Bau entlang der Fürther Straße der Architekt Ernst Neufert. Gebaut wurde er als Versand- und Logistikzentrum ab 1953, fertiggestellt in fünf Bauabschnitten bis 1969. Bis 2026 wird die Immobilie von ksg in ein offenes, lebendiges Stadtquartier transformiert werden.

Projektdaten:

Auftraggeber: Gerchgroup

Das Versand- und Kaufhaus der Firma Quelle in Nürnberg ist ein beeindruckend großer Gewerbebau, der in verschiedenen Bauabschnitten in den 1950er-Jahren nach der Planung von Ernst Neufert errichtet wurde. Von seiner Größe und Bedeutung steht die Unternehmensarchitektur in einer Reihe mit Egon Eiermanns Neckermann-Gebäude oder dem Gerling Areal in Köln. Historisch ist Quelle als Versandhaus nach dem Krieg ein wichtiger Motor für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands gewesen und steht als ein Symbol für das Wirtschaftswunder. Als Protagonist der „Moderne“ schuf Neufert eine Architektur, die ihrer beeindruckenden Maschinerie im Innern eine Bühne bereitete und Anlass bot, die Unternehmensphilosophie des Bauherrn Gustav Schickedanz zum Gegenstand einer signifikanten Unternehmensarchitektur zu machen. Dazu orientierte Neufert die Höhe der Fensterbänder nicht wie üblich am Menschen und gab den Arbeitern Ausblick, sondern kreierte mit einem Fensterband in 1,5m Höhe ein Entwurfsdetail, das den Transport der Waren über Laufbänder an der Decke inszenierte und von außen erlebbar machte. Schwebende Pakete, die sich ihren Weg durch die Logistik bahnten, demonstrierten eindrucksvoll, wie jedes einzelne Teil des riesigen Sortiments schnell und reibungslos für den Kunden zusammengestellt wurde. Die langen Fensterbänder und die Brüstungen aus gelbem Ziegel prägen in radikal reduziertem Ausdruck die Gestalt der Baukörper.

2009 ging Quelle insolvent und mehr als 250.000 m² Fläche standen leer. Etliche Anläufe für den Versuch einer Umnutzung liefen ins Leere und zwischenzeitlich sah es aus, als wäre der Abriss die einzige Möglichkeit, dem riesigen Areal Herr zu werden.

 

Eine Ikone der Nachkriegszeit wird in die Zukunft entwickelt

Seit dem Verkauf 2018 an die GERCHGROUP, ist die weitere Existenz der ehemaligen Versandmaschine gesichert: Nach dem Entwurf von kister scheithauer gross wird die Ikone der Nachkriegszeit nun in ein modernes mixed-use Quartier transformiert: „The Q“, das unterschiedlichste Nutzungen vom Wohnen über Büros und Verwaltung bis zu kleinen Läden, Cafés und Restaurants vereint. Öffentlicher Raum entsteht in Innenhöfen unterschiedlicher Größe, Wege durch den Komplex schaffen Verbindungen zwischen den benachbarten Stadtteilen, und durch ein Behördenzentrum der Stadt Nürnberg wird es Publikumsverkehr von außen geben. Zentrales Element wird das „Quelle Forum“ sein, ein überdeckter Innenraum, in dem über drei Geschosse die Konstruktion sichtbar bleibt und das öffentlich vielfältig genutzt werden kann.

Und was passiert mit der markanten Fassade? Diese wird mit ihren Fensterbändern zwar an die geänderte Nutzung angepasst, aber in ihrer Erscheinung erhalten. „Wir haben mit dem Quelle-Bau eine homogene Fassadenhülle, die die Identität des Hauses darstellt“, sagt Johannes Kister. Nicht ohne Grund steht also die Hülle, genau wie die Treppenhäuser und der Versammlungssaal, unter Denkmalschutz. Mit der Transformation wird das Neufert-Gebäude seine ursprüngliche Nutzung überdauern und als Architekturdenkmal eine zweite Zukunft erhalten. Es wird sowohl als Zeichen erhalten bleiben, als auch neues Leben aufnehmen.

 

Wohnen

Das Gebäude war in seiner ursprünglichen Bestimmung auf eine technische Nutzung ausgelegt, für die es nicht notwendig war, Licht und Luft ins Innere zu bringen – keine guten Voraussetzungen für die Umnutzung zu Wohnzwecken. Nach der Schließung des Quelle-Konzerns gab es deswegen auch Stimmen, die den Abriss des augenscheinlich ‚unentwickelbaren Koloss‘ ins Spiel brachten.

Im Auftrag der Neufert Stiftung entwickelt Johannes Kister seit der 38. Auflage die Bauentwurfslehre weiter und steckt mit großer Passion tief im Thema des Projekts. Arbeiten im Bestand versteht er als Forschungsauftrag, die ganz besondere baukünstlerische Bedeutung eines Projektes zu erfassen und mit neuen Elementen fortzuschreiben – ohne mutwillige Überformung. Das ist schon beim Gerling Quartier in Köln mit seinen ca. 140.000 m2 gelungen. In enger Absprache mit dem Denkmalschutz schlägt sein Entwurf vor, Innenhöfe aus dem Bestand auszuschneiden, die das Erdgeschoss unberührt lassen. Hier können private Gärten entstehen und neue Fassaden, die mit großen Fensterflächen Licht in die dahinterliegenden Wohnungen bringen.

 

Ob hier Familienwohnungen, Studentenapartments oder hochwertige Lofts entstehen, ist bewusst offengehalten. ksg bereiten den Bestand mit offenen Grundrissen so vor, dass hier vieles vorstellbar und größtmögliche Flexibilität für diverse Nutzervorstellungen möglich werden. Ein Gebäude dieser Größenordnung und Dichte erhält mit Kitas und Jugendeinrichtungen, Start-up Spaces und Bürgertreffs eine Vielzahl von Gemeinschaftsangeboten: Ganz im Sinne einer kleinen Stadt oder der berühmten „Unité d´Habitation“ von Le Corbusier, die private und kommerzielle Bereiche mit gemeinschaftlichen Angeboten ergänzen. Wohnen mit garantiert niedriger Miete wird es in den Neubauten auf dem ehemaligen Mitarbeiterparkplatz geben. Hier entsteht auf 15.000 m² sozialer Wohnungsbau.

 

Gewerbe

Im Quelle-Gebäude wird keine Shopping-Mall entstehen. Das Angebot ist kleinteiliger strukturiert. Es wird auf den Bedarf im Quartier und die direkt angrenzenden Nachbarschaften abgestimmt sein und nicht zum Rivalen für die Nürnberger Innenstadt werden. Der Handel bleibt im Erdgeschoss als Nahversorgung und die Gastronomie orientiert sich um das Quelle-Forum. Die Angebote hier zielen auf die Versorgung eines neuen Stadtquartiers.

 

Büros

Anker und Antriebsmotor für das Projekt ist der Mietvertrag der Stadt Nürnberg über rund 42.000 m², auf denen ein Behördenzentrum entstehen wird. Das Ziel ist es, ab 2024 die Einweihung der Bauabschnitte hintereinander folgen zu lassen. Zuerst sollen die Mitarbeiter der Stadt einziehen. Für sie entsteht, gebündelt in zwei der fünf Bauteile, ein zukunftsweisendes Verwaltungsgebäude. Der öffentlich zugängliche Publikumsbereich umfasst neben kleineren geschlossenen Beratungszimmern, Service-, Beratungs- und Wartezonen. Die intern genutzten Bereiche mit Besprechungsräumen und Arbeitsplätzen können mit verschiedenen Bürotypen und Arbeitskonzepten bespielt werden und auch in Zukunft flexibel auf sich ändernde Arbeitsumstände reagieren. Einige der Servicebereiche und Besprechungsräume sind um das Quelle-Forum gruppiert, wodurch Offenheit und Öffentlichkeit unterstrichen und sowohl Ein- als auch Ausblicke ermöglicht werden. „Wenn alles reibungslos verläuft, wird das neue Quartier 2026 fertig gestellt sein.

Vor der Transformation